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Das #ECHTINAKINDERGARTEN Blog
01
Jul 2017

Grundsatz 7 in der Praxis – ein persönliches Schlüsselerlebnis

Normalerweise ist es so – vermutlich nicht nur bei uns in der Dresdener Straße – dass wir Erwachsenen die Ausgabe der Spielgeräte organisieren. Eines Tages jedoch übergeben wir den Geräteraumschlüssel einem Kind und beobachten gespannt, was geschehen würde. Eine Art Experiment, für die Kinder, aber auch für uns.

Die forscheren der Kinder holen sich gleich, was sie haben wollen. Andere laufen in den Raum, schauen interessiert, was da passiert, und warten erstmal. Manche Kinder sind von der – ja bisher auf Erwachsene ausgelegten – Raumstruktur herausgefordert, sie kommen an die hohen Regale nicht heran oder können große, übereinanderliegende Elemente nicht alleine bewegen. Autos fallen herunter, irgendwann macht ein Kind das Licht im Geräteraum an. Einige Kinder kommen zu mir und möchten, dass ich eine „Abwechselregelung“ für die Dreiräder aushandle. Andere bitten um Hilfe, weil sie nicht an alles herankommen; ich schlage ihnen Lösungen vor und hole auf Wunsch auch ein paar Sachen aus dem Regal.

Indem nicht mehr ich, sondern die Kinder die gestaltenden Akteure sind, bekomme ich plötzlich eine andere Rolle. Anstatt ihnen den Sinn, die Notwendigkeit, die Fairness meiner Entscheidungen zu erklären, unterstütze ich sie nun dabei, ihre eigenen Probleme zu lösen und Herausforderungen zu bewältigen. Grenzen – zum Beispiel, wenn keine Seile mehr da sind – werden erlebbar und müssen nicht mehr sprachlich vermittelt werden. Ich beobachte, wie ganz andere Spieldynamiken entstehen, etwa ein Rollenspiel, das mit fast allen Kindern auf einmal beginnt. Oder wie manche die Gelegenheit nutzen, um endlich in Ruhe und für sich alleine ausgiebig schaukeln zu können. Mir wird klar, dass es jetzt andere Kinder sind, die Bedarf an Moderation, Hilfestellung oder Vermittlung haben, als in Situationen, die wir von Beginn an gestalten, wo wir Strukturen vorgeben. Und ich erkenne deutlich, wie wir den Kindern dadurch, dass wir die Geräte sonst an sie ausgeben, Erfahrungs- und Erlebnisräume verschlossen haben.

Im Grundsatz 7 des Situationsansatzes steht: „Was Kinder selbst tun können, wird ihnen zugetraut und übergeben.“1 Das Können jedes Kindes bestimmt also über den Freiraum, den wir als Pädagog*innen individuell zugestehen sollen. Dazu müssen wir natürlich wissen und immer aufs Neue herausfinden, was denn jedes Kind schon selbst kann. Die Situation im Geräteraum ist dabei sehr aufschlussreich für mich, ich erfahre sehr viel über die Kinder meiner Gruppe. Generell sollten wir voraussetzen, dass jedes Kind in dieser Hinsicht weiter ist, als wir jeweils denken, da sie sich oft schneller entwickeln, als wir beobachten können. Dementsprechend müssen wir darauf vertrauen, dass die Kinder Herausforderungen schon meistern – ansonsten nehmen wir in Kauf, sie in ihren Bildungsprozessen zu entmutigen.

Alle Kinder kollektiv gleich zu behandeln, ist kein Wert an sich. Stattdessen müssen wir eine individuelle „Ungleichbehandlung“ der Kinder anstreben und auf Absprachen und Regelungen setzen. Im Situationsansatz ist das ganz klar formuliert: so viel Individualität wie möglich, so viel Gemeinsinn wie nötig. Nur dann können wir jedem Kind gleichermaßen gerecht werden. Dafür müssen wir aber bereit sein, unsere Gestaltungsmacht abzugeben und unsere Rolle immer wieder zu hinterfragen. Selbst wenn wir damit auch in chaotische, anstrengende oder unvorhergesehene Situationen kommen. „Die alltäglichen Situationen im Kindergarten sind so voller Lernanregungen. Es ist deshalb von Bedeutung wie das Leben dort gestaltet wird. Günstige Bedingungen stellen Erzieher*innen dann bereit, (…) wenn die Kinder ihr Leben aktiv und ideenreich mitbestimmen und gestalten können (…) und ihre Kräfte herausgefordert werden.“ Das Ziel darf also nicht sein, dass alles möglichst reibungslos oder schnell oder bequem verläuft. Die Zuversicht, dass wir gemeinsam mit den Kindern alles hinbekommen, gehört eben auch dazu.

Für meine pädagogische Arbeit ist die Erfahrung im Geräteraum eine echte Schlüsselsituation. Ich merke, wie ich seit Jahren ausgetretene Pfade verlasse, die wir Pädagog*innen nur zu gut kennen, die wir jeden Tag beschreiten und auf denen wir genau wissen, wo es langgeht. Und es ist eigentlich ganz leicht: einfach mit den Kindern mitgehen, wenn sie abbiegen, und schauen, wohin das führt. Je weniger ich meine Regeln durchziehe und Grenzen setze, desto weniger stehe ich den Kindern im Weg dabei, ihren Alltag in der Kita zu gestalten. Das ermöglicht ihnen echte Bildungsräume, in denen sie sich erproben und in denen sie Kompetenzen erwerben, die für sie gerade von Bedeutung sind. Mich macht das ganz automatisch zum Komplizen der Kinder – und so komme ich auch nicht mehr in die Bredouille, sie mit Bildungsangeboten erziehen zu wollen, von denen ich gar nicht weiß, ob sie überhaupt funktionieren. 

Diese Erkenntnis ist ein ganz wichtiger Bestandteil meines Arbeitens geworden. Mein Fazit: Hindernisse aus dem Weg räumen! Türen aufmachen! Nicht im Weg stehen! Und Kinder selber machen lassen – das macht vieles leichter und verleiht unserem Alltag einen Hauch von Abenteuer.

1 Christa Preissing / Elke Heller (Hrsg.): Qualität im Situationsansatz – Qualitätskriterien und Materialien für die Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen. 4. Auflage 2016, Berlin: Cornelsen Verlag, S.16